I wrote it

Dienstag, 3. Oktober 2006

Nachtmahl, britische Hotelvariante

Und noch einer, der es nicht in die Endausscheidung geschafft haben dürfte - war wohl zu offensichtlich ... nun ja: nicht ganz wahr :). Ausschreibung zum Thema "Essen", knapp 2.000 Zeichen / und ein Rezept beifügen. Guten Appetit!


Nacht(fr)essen

Der einzige Urlaub, den meine Freundin Natalie mit ihrem Vater verbrachte, führte nach England. Sie waren in einem kleinen Hotel irgendwo in den Londoner Nebenstraßen abgestiegen und stritten sich schon beim Frühstück, wohin der Tagesausflug gehen sollte. Regelmäßig ging der Punkt an Natalies Vater. Am vierten Tag hatte sie genug. Sie wollte ihren Urlaub genießen und keine Fortsetzung der heimischen Tyrannei erleben.

Natalie machte sich also alleine auf den Weg und kam erst zum Abendessen wieder in ihr Hotel. Zu ihrer Überraschung tauchte ihr Vater auch in den folgenden Stunden nicht wieder auf. Sie hatte es sich spät abends in der Lounge bequem gemacht, als ihr Vater ziemlich erschöpft und mit "qualmenden Socken" hereinschlich. Sie beobachtete, wie er mit dem Portier herumradebrechte, dass er gerne etwas zu essen hätte. Natalie hielt gespannt den Atem an, denn sie hatte schon mehrfach aufgeschnappt, dass der Portier mit seiner Frau, einem der Zimmermädchen, über den schlecht gelaunten Deutschen lästerte, der immer die nassen Handtücher zerknüllt auf dem Teppich liegen ließ und jeden Morgen seine Tochter in Grund und Boden brüllte.

Natalies Vater hatte wohl einen kleinen Bonus über den Tresen geschoben, denn der Portier ließ etwas in seiner Tasche verschwinden und winkte ihn in den Speisesaal - allerdings nicht ohne demonstrativ gerümpfte Nase. Natalie selbst hatte, wie sie später zugab, noch so eine Wut auf ihren Vater, dass sie sich kurzerhand hinter einer Zeitung versteckte. Es dauerte nicht lange, bis das Zimmermädchen mit einem Teller auftauchte, den sie vor dem Gast auf den Tisch stellte. Danach ging sie eilig zurück und Natalie beobachtete, wie die beiden immer wieder verstohlen hinüberschielten und leise lachten.

Nachdem Natalies Vater nach oben gegangen war, zeigte der Portier ungläubig seiner Frau den leeren Teller. Diese schlug die Hand vor den Mund und rief: "Er hat das tatsächlich gegessen!".

Natalie schwört Stein und Bein, dass sie niemals herausbekommen hat, was die beiden ihrem Vater serviert hatten.

***

Leckerer schmeckt bestimmt der folgende Imbiss, der nicht nur für müde Wanderer des Nachts gedacht ist:

Pipérade
Zutaten für 4 Personen:
2 EL Öl
1 Zwiebel in dünnen Scheiben
2 grüne Paprikaschoten (entkernt und in Ringen)
1 zerdrückte Knoblauchzehe
250 g enthäutete und gehackte Tomaten
Salz und Pfeffer
6 Eier
4 Scheiben Schinken

Das Öl in einem Topf erhitzen und die Zwiebel dünsten. Paprika und Knoblauch dazugeben und weitere 5 Minuten andünsten. Die Tomaten hinzufügen, salzen und pfeffern, den Topf zudecken und alles 20 Minuten kochen lassen.

Die Eier leicht schlagen, zu dem Gemüse geben und rühren, bis sie gestockt sind. Währenddessen den Schinken in den vorgeheizten Grill geben.

Das Eiergericht auf einen vorgewärmten Teller geben und den Schinken darauf verteilen.

Zubereitungszeit: 35 bis 40 Minuten

Darauf kann man mal eben warten, oder?

Mittwoch, 8. März 2006

L-Geplänkel

Lisa liest leichte lustige Literatur.
Lisa liest laut.
Lacht.
Leise! lamentiert Lavinia.
Lisa lächelt.
Langeweile lauert.
Los! Langlegen!
Lisa - liegend - lästert leise.

Lieblich-linde Luftträume!

Donnerstag, 23. Februar 2006

Das Babbelbirkenbett

„Da ist es!“
„Schrei nicht so! Dein Gekreische weckt noch die ganze Galaxie.“
„Nun sieh doch hin. DA.“


Cora drehte sich stöhnend um und schielte auf den Wecker. Mitternacht. Mit einem kleinen Seufzer kuschelte sie sich in ihre Kissen und ließ sich in traumlose Schwärze fallen.

„Das ist es tatsächlich. Fein, fein. Dann mal los:
Höckelmöck und Stutenklecks
bring alles zu der Zippelhe – he!“
„Was sollen wir denn bei der Zippelinschen?“
„Stimmt. Das war ja letztes Mal. Weißt du noch?“
Leises Kichern.
„Oh ja! Das Taufbecken von Bruder Honkatawonka. Als Bruder Malong es zurückholen wollte, hat es ihn immer wieder neu getauft und wir mussten Bruder Malong aus dem Wasser retten.“
Unterdrücktes Lachen.
„Gut, dann eben noch einmal:
Huggelmotz und Stutenwachs...“


Verzweifelt klammerte Cora sich an Kissen und Schlaf. Seit sie dieses Bett gekauft hatte, träumte sie einen derartigen Blödsinn, dass sie manches Mal vor Lachen aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte. Huggelmotz. Das war einfach lächerlich.

„Pass doch auf! Da ist ein Fenster!“
„Schrei doch nicht so! Und misch Dich nicht immer ein. Ich kann mich gar nicht konzentrieren, Du Nervensäge.“
„Und du bist ein riesiges Haddamack, das sich als Zauberer verkleidet.“


Haddamack? Cora schlug die Augen auf und blinzelte in das Licht einer kleinen Kugel vor dem Fenster. Der Strahl ruhte auf dem Bett und leuchtete das feine Design der Homer-Simpson-Bettwäsche aus. Ein trillernder Pfiff ertönte, und genau in dem Moment stieß sich das Bett vom Boden ab, klappte die Beine unter und schwebte aus dem Fenster, das sich dann leise wieder schloss.

Das Bett driftete leicht schwankend nach Nordnordost auf einen Teppich zu. Dort kauerten zwei Männer, die ihre Hände nach den Bettpfosten ausstreckten und unverständliche Wörter murmelten. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit steuerte das Bett in die Mitte des riesigen Teppichs, fuhr die Beine aus und parkte. Natürlich, dachte Cora ironisch. Was sollte es auch sonst tun, schließlich gehört ein Teppich unter das Bett und nicht etwa das Bett unter einen Teppich. Cora lugte vorsichtig über die Bettkante. In den Abendnachrichten hatte sie von einem Gobelin gehört, der aus dem Louvre gestohlen worden war. Dieser Gobelin flog nun mit einem Bett, einem Mädchen und zwei Männern durch die Nacht.

Der ältere Mann löschte das Licht mit einem Händeklatschen, und sein Begleiter rief: „Schrimmschrammschrumm, nun kehrn wir wieder um.“ Der Teppich gehorchte und flog nach einer scharfen Kurve einfach geradeaus ins All.

Cora betrachtete die beiden Männer und überlegte, ob sie sich auch ein Schmerzensgeld erträumen konnte – zum einen wurde sie gerade entführt und zum anderen entsprach keiner der beiden ihrem Bild von einem Traummann. Der jüngere hatte ein plattes Pfannkuchengesicht und eben solche Sprüche; allerdings konnte auch der albernste Reim noch Unheil stiften, wenn er von einem Anfänger oder mit Wut im Bauch aufgesagt wurde. Mit dem älteren Mann wollte sie sich erst recht nicht anlegen, der konnte mit seinen Händen bestimmt nicht nur Lichter anzünden und löschen. Sie kroch wieder unter die Decke und entschied sich, auf das Ende ihres Traumes zu warten. Hoffentlich träumte sie unterwegs keinen Unfall.

Als hätte der jüngere ihre Gedanken gehört, rief er:
„Muckefuck und halber Lachs,
diese Reise ist ein Klacks.“

Der Teppich schoss steil nach unten und tauchte in einen See, wodurch er das Bett und alles drin und drum herum unter Wasser setzte, tauchte am anderen Ufer wieder auf, robbte an Land und schüttelte sich.

„Himmel, Nas‘ und Krötenschlund “, murmelte der Ältere. Langsam setzte er sich auf und schob seinen türkisfarbenen Fez von der Nasenspitze zurück auf den Kopf. Er warf einen Blick auf seinen Begleiter, der platt bäuchlings auf dem Teppich lag, und kickte ihm mit einem seidenbestickten Schnabelschuh in die Seite. „Könntest du bitte das Niveau deiner Sprüche ein wenig heben? Ja? Du weißt doch, dass wir diese ständigen Bruchlandungen nur wegen deiner Kindergartenlyrik bauen.“

„Dann mach doch selbst“, jappste der jüngere und spuckte bei jedem Buchstaben einen Schwall leuchtend oranges Wasser aus. „Wirst schon sehen, wie weit du als einfacher Handmagier kommst.“

Der ältere lächelte nur mild und wob wundersame Zeichen in die Luft. Nach und nach trockneten sein Fez, sein Haar, sein roter Kaftan mit den bunten Symbolen und seine Schuhe. Dann hielt der Alte inne, kreuzte die Arme vor der Brust und sagte: „Na?“

„Pffffft,“ maulte sein Freund.

„Trotzkopf“, schnauzte der Alte.

„Entschuldigung“, sagte Cora.

„Du entschuldigst dich? Ja, Heiliger Krötenschlund, dass ich das noch erleben darf“, staunte der Alte.

„Wer? Ich?“, fragte sein Freund.

„Wer denn sonst?“, fragte der Alte.

„Ich“, sagte Cora. Sie hatte sich aus dem Bett geschwungen und stand ein wenig unsicher auf dem tropfnassen Teppich. Der Alte und der Junge starrten sie an. In Anbetracht der zauberhaften Fähigkeiten dieser beiden schien ihr ein wenig Höflichkeit angebracht: „Hallo. Äh, guten Abend. Entschuldigung, aber – bitte – könnten Sie das Bett und mich auch wieder trocknen?“

„Was hast du denn jetzt wieder gemacht?“ Der Ältere starrte Cora an und blinzelte. „Das ist ein Weibchen.“
Der Jüngere widersprach: „Das kann nicht sein. Es spricht doch.“

Der Alte machte eine herrische Bewegung. Prompt rissen die Knöpfe von Coras Schlafanzug. Die Jacke flog auf und die Schlafanzoghose rutschte auf die Knöchel. „Sieh doch hin, du Trottel. Eindeutig ein Weibchen.“

Cora schnappte die Bettdecke und versteckte sich dahinter. Vielleicht sollte ich ein Traumtagebuch führen, überlegte sie. Daraus lassen sich bestimmt mal gute Geschichten machen. Aber jetzt musste sie erst das aktuelle Problem lösen, oder sie starb an einer geträumten Grippe.

„Könnten Sie mich jetzt bitte wieder trocknen und anziehen? Ich werde sonst noch krank.“ Zur Bekräftigung ihrer Worte hustete sie heftig und zog die Decke enger um sich. „Bei mir zu Hause nennt man uns übrigens ‚Frauen‘“, fügte sie schniefend hinzu.

„Verzeihung. Immer wenn ich mit Bruder Bonkfronk reise, vergesse ich vor lauter Ärger meine guten Manieren.“ Der Alte wedelte mit den Händen und Cora stand trocken und nach Art des Landes gekleidet neben ihrem Bett.

„Vielen Dank“, sagte Cora höflich. Sie setzte sich auf die Bettkante und sah die beiden Männer neugierig an. „Was wollen Sie eigentlich - Oh.“ Überrascht schnupperte sie an dem Teller, der sich in ihren Händen materialisiert hatte. Eine kleine Kelle folgte und genüsslich löffelte Cora die beste Suppe ihres Lebens aus. Dann stellte sie den Teller auf den Teppich und beendete ihre Frage: „Was wollen Sie mit meinem Bett?“.

Der Alte kratzte sich am Kinn und erklärte nach kurzem Zögern:. „Wir produzieren Waren, die Ihr in Eurer dunklen und rückständigen Welt ungewöhnlich oder sogar gefährlich finden würdet. Fliegende Teppiche. Vollautomatische Taufbecken. Je ausgefallener eine Sache ist, um so mehr lieben wir sie.“

Er setzte sich neben Cora und sie stellte erfreut fest, dass er aus der Nähe weder alt noch unattraktiv aussah. Er räusperte sich und fuhr fort: „Manche unserer Brüder verlassen unsere Heimat. Einige suchen das Abenteuer, andere landen in fremden Galaxien, weil ein Teppich sich plötzlich nicht mehr steuern lässt. Manchmal sind sie aber auch nur Diebe, die unsere Erfindungen auf anderen Welten ertragreich nutzen wollen. Sie schnappen sich, was ihnen am wertvollsten scheint, und machen sich aus dem Staub unserer Welt.“

Coras Herz schlug schneller, als der Mann näher rückte und ihr sanft über den Rücken strich. Sie neigte sich zu ihm und las ihm die weiteren Worte förmlich von den Lippen ab:

„Die meisten Stücke finden wir auf der Erde wieder. Fast alle landen in einem Haus, in dem die Leute dem Heiligen Krötenschlund sei Dank nichts anfassen dürfen. So ist unser Zauber wenigstens vor ungeschickten Händen sicher und es ist ziemlich einfach, unser Eigentum zurückzuholen. Nur dieses verflixte Taufbecken hat uns eine Menge Ärger gemacht. Seitdem gehen wir immer zu zweit auf die Suche und bringen Dinge, die uns gehören, zur Sicherheit aller wieder hierher.“

Er massierte mit dem Daumen Coras Nacken und lächelte. „Ich bin Talakoko“, raunte er und knabberte an ihrem Ohrläppchen. Mit einem leisen Seufzer sank sie zurück und schloss die Augen. Solche Träume mochte sie. Und da sie bestimmt jeden Moment aufwachen würde, war sie wild entschlossen zu genießen, was zu kriegen war. Sie spürte seinen Mund auf ihrer Wange, als er flüsterte: „Und dieses Bett ist auch etwas Besonderes. Wer darin liegt, hat fröhliche Träume, schläft entspannt und geht tagsüber mit besonderer Freude seiner Arbeit nach. Es ist aus Babbelbirkenholz.“

Babbelbirkenholz. Birkenbabbel. Hölzerne Bubbelborken. Bibbelbarken. Die Worte tanzten in ihrem Kopf herum und Cora versuchte krampfhaft, nicht zu kichern, aber schließlich prustete sie los und lachte - und lachte - und lachte. Verflixt, schimpfte sie in Gedanken. Gleich würde sie aufwachen, auf ihre Homer-Simpson-Bettwäsche starren und sich wieder in diesen Traum zurückwünschen. Sogar im Schlaf vergackerte sie die interessanten Typen. Es war zum Auswachsen. Langsam ebbte der Lachanfall ab und seufzend setzte Cora sich auf. Willkommen im Wachzustand, dachte sie und starrte auf Talakoko, der sich zurückgelehnt hatte und sie lächelnd beobachtete. Okay, dachte Cora vergnügt. Dann träum ich mal weiter.

Leider gab es ein Problem.

„Was machen wir mit dem Weibchen?“

Cora stöhnte. Diesen lästigen Bonkfronk hatte sie ganz vergessen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf das Objekt ihrer Begierde. Talakoko beugte sich vor und zog Cora zu sich herüber. „Ich nehme es“, sagte er entschieden.

„Aber es spricht.“ Bonkfronk starrte das schmusende Pärchen entrüstet an. „Das verstößt gegen jede gesellschaftliche Konvention. Unsere Weibchen sprechen nicht.“
„Dann habe ich eben eines mit Sprechapparat erfunden.“
„Was willst Du denn von ihm?“
„Was alle von ihren Weibchen wollen.“
„Aber wenn es doch spricht?!“ Bonkfronk schüttelte entsetzt den Kopf.
„Solange es nicht denkt, geht das in Ordnung. Außerdem ist es mal eine nette Abwechslung, wenn ich mich auch zu Hause mit jemand unterhalten kann.“
„Aber dafür haben wir doch die Frageundantwort-Truhen“, protestierte Bonkfronk.

Cora hatte genug gehört und entschied, dass sofortiges Eingreifen erforderlich war: „Halt“, rief sie. „Das ist mein Traum und mein Traum geht so: Bonkfronk geht nach Hause und kaum ist er fort, träumen Tala und ich gemeinsam ein paar Nettigkeiten. Morgen wache ich dann auf und gehe wie jeden Tag zur Arbeit. Aber bitte – lass uns endlich anfangen. Die Nacht ist irgendwann vorbei.“

Talakoko legte sanft seine Hände auf ihre Arme. „Du gehst nicht wieder zurück.“
Cora schmollte unter seinem Mund. „Mach das Traumspiel weiter, ja? Bitte!“
Der Druck auf ihren Armen verstärkte sich.
„Du kannst nicht mehr zurück“, sagte Talakoko nachdrücklich. „Du hast von meinem Teller gegessen.“
„Der Traum wird albern“, maulte Cora.

Klatsch.

Cora hockte verdutzt auf dem Bett und hielt sich die Wange. Sie starrte Talakoko an und fauchte: „Bist du bescheuert?“
„Glaubst du immer noch an einen Traum?“
„Deswegen musst Du mir keine runterhauen. Einmal zwicken reicht.“

Die beiden Männer waren immer noch da. Cora hockte nach wie vor in einer fremden Tracht auf ihrem Bett neben der Bettdecke mit den Simpsons und starrte auf einen See, der wie ein orangefarbener Kristall schillerte.

„Ich bin hier gestrandet?“ Coras Stimme klang schriller als gewöhnlich. „Ich will nicht irgendwo in einer anderen Welt die Frau des Zauberers sein.“ Wenn der Kerl nur nicht so herrliche graue Augen hätte. Sie versank immer tiefer in diesem Blick. Mit leisem Lachen stand Talakoko auf und tätschelte beruhigend ihre Wange. „Zauberer ist für die Männer dieser Galaxie nur ein Nebenberuf. Ich bin hier der Bäcker.“ Er stand auf und trat zurück. Mit jedem Schritt, den er sich von Cora entfernte, wurde er hässlicher und älter. Es dauerte Jahre, bis sie sich daran gewöhnt hatte, dass ihr Ehemann nur aus der Nähe ein hübscher Kerl war.

Donnerstag, 2. Februar 2006

Scharfe Krallen schlitzen schnell

"Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wieso Minky jetzt plötzlich so ausgerastet ist." Ich starrte auf die schwarzbraune Katze, die im Licht der Abendsonne auf der Fensterbank saß und ihr Fell putzte. Die junge Kommissarin legte mir sanft die Hand auf die Schulter. "Wollen wir woanders reden? Das hier ist kein besonders schöner Anblick."

Nein, Britta war kein schöner Anblick mehr. Ich warf einen letzten Blick auf meine Frau, die auf dem Küchenboden unter dem Fenster lag. Sie hatte keine Chance gehabt, als die scharfen Krallen ihr die Halsschlagader aufgeritzt hatten.

Ich führte die Kommissarin ins Wohnzimmer. Minky folgte uns und sprang mit einem eleganten Satz in das Regal mit Souvenirs aus Indien. Ein kleiner Elefant fiel herunter und blieb vor den Füßen der Polizistin liegen. Sie bückte sich. "Oh, wie schade. Die Zähne sind abgebrochen." Vorsichtig stellte sie das gute Stück auf den Tisch und zog ihr Diktiergerät aus der Tasche. "Sind Sie mit einer Bandaufnahme einverstanden?" Ich nickte. Aus der Küche drangen die Geräusche der Spurensicherung herüber.

Nachdem die Kommissarin die übliche Einleitung auf das Band gesprochen hatte, schob sie mir das eingeschaltete Diktiergerät zu und bat mich um meine Aussage. Ich lehnte mich vor und sprach konzentriert in das Mikrofon. "Ich bin wie jeden Morgen um 8.00 Uhr ins Büro gefahren. Ich bin Steuerberater und habe mein Büro in der Innenstadt. Soweit ich weiß, hatte meine Frau heute keine Verabredungen und wollte im Garten arbeiten."

Langsam rutschte ich an die Sofakante und angelte nach dem Elefanten. Ich unterdrückte mein Lächeln, als ich ihn in der Jackentasche verschwinden ließ. "Vor einer Stunde habe ich sie gefunden. Wie es aussieht, lag sie schon lange dort?"

Die Kommissarin nickte mitfühlend. "Der Hieb hat die Schlagader aufgerissen. Ihre Frau konnte keine Hilfe mehr holen. Ist Ihre Katze sonst aggressiv?"

Ich schüttelte den Kopf. "Minky ist das friedlichste Tier der Welt. Sie hat sogar Britta gemocht." Ich sah der Kommissarin provozierend in die Augen. "Meine Ehe war ein Fehler. Sie werden noch hören, dass ich nur Brittas Geld geheiratet habe. Ich bin Alleinerbe."

Die Kommissarin sah mich nachdenklich an. Dann lächelte sie und sagte: "Ich denke, es war ein tragischer Unfall. Jedenfalls sieht es bisher so aus." Wir standen auf, und ich begleitete die Kommissarin und ihre Kollegen zur Tür.

Danach stellte ich den zahnlosen Elefanten in das Regal zurück. An dem kleinen Glücksbringer hingen Erinnerungen, die ich nicht so einfach wegwerfen wollte wie die Stoßzähne, die ich morgens gleich beim Hinausgehen in die Mülltonne geworfen hatte. Ich hatte sie letzte Nacht so lange geschliffen, bis sie die Form und Schärfe von Minkys Krallen hatten. Als Britta beim Frühstück immer noch ihr Testament ändern wollte, machte ich meinen kleinen Elefanten zum Geldbringer.

Vor der Ausfahrt standen die Beamten noch immer zusammen und diskutierten. Amüsiert beobachtete ich, wie einer der Beamten mit dem Daumen zu mir herüberzeigte und den Kopf schüttelte. Aber ich lächelte nicht lange, denn die Kommissarin nahm von ihrem Kollegen einen kleinen, elfenbeinfarbenen Gegenstand entgegen und schritt energisch auf meine Haustür zu.

(c) Susanne Schnitzler
2004

Sonntag, 8. Januar 2006

Bo ist out – es lebe Bo

„Wir machen dieses Jahr keine Weihnachtsfeier“, sagte mein letzter Chef. Ob ich statt dessen lieber einen Kinogutschein möchte? Ich hätte ja ein Kind, da würde das ganz gut passen. Auf die Idee, dass ich den Gutschein auch wunderbar und liebend gerne alleine beziehungsweise in erwachsener Begleitung verprassen könnte, kam er gar nicht. Aber gut, er hatte mich ja auch ganz erstaunt gefragt, warum ich seine Geschenke nicht hübsch einpacken könne. Bei einer Frau sei ein solches Talent doch gefälligst systemimmanent.

Wann war ich eigentlich das letzte Mal im Kino gewesen? Meine Tochter wurde im Jahr nach dieser Nicht-Weihnachtsfeier sechs, vorher lief sowieso nicht viel. Entweder hatten die letzten alten Freunde gerade dann keine Zeit, wie sie behaupteten („Wie? Du willst ins Kino? Abends? Hast du denn überhaupt jemand für das Kind?“), oder der Babysitter rechnete sich nicht zur Kinokarte oder Ersie sagte pünktlich 24 Stunden vor dem geplanten Einsatz ab.

Wenn ich also sage, dass meine liebsten aktuellen Erinnerungen die Filme Maeverik (drei Mal? – Nein, ich glaube, vier Mal), Das Wunderkind Tate, When a man loves a woman, Viel Lärm um nichts (in Übersetzung 3x und im Original 4x) und – ach, ja – Der Club der Toten Dichter (sieben Mal!) sind, dann dürfen Sie 1x am Zeitablauf herumrechnen.

Dass ich so selten ins Kino gegangen bin, liegt aber keinesfalls nur daran, dass man sich als Mutter (und dazu noch allein_erziehende eben solche) gefälligst nicht einfach in der Gegend herumzuamüsieren hat.

Abgesehen von Good Morning, Vietnam und Der Club der Toten Dichter waren alle meine Lieblingsfilme große Frauenfilme: Maeverick wäre ohne Jodie Foster nur halb so schön gewesen. Die Troerinnen waren ein reiner Frauenfilm mit großen Namen und wunderbaren Charakteren. Dead Man Walking ohne Susan Sarandon? Unvorstellbar. Middler, Streep, Hepburn, Diane Keaton. Die Charakterdarstellerinnen der „kleinen“ französischen Filme und vieler Nebenrollen, die ich heute vergessen habe – wo sind sie eigentlich alle? Hallo, Houston, ihr habt da anscheinend ein Problem ...

Im Hollywood der Jahrtausendwende sind Schauspielerinnen wie Houston, Keaton, Foster, Streep die absoluten Ausnahmeerscheinungen geworden. Charaktere mit Ecken und Kanten – Figuren aus dem wirklichen Leben (erinnert sich eigentlich noch jemand an Kramer gegen Kramer?) – wurden verdrängt von glatten Schönheiten, bei denen niemand mehr nach standing ovations im Publikum verlangt, sondern nur noch nach standing erections. Harmlos langweilige Teenie-Farcen, immer öfter mit einer P. H. (bei der man nie weiß, ob sie selbst spielt oder ein Bettgeselle gleichen Namens, der vielleicht auch nur sie selbst ist – also der Gipfel des Narzissmus) reihen sich nahtlos ein in die Tragomödien kulleräugiger, melonenbusiger hüftschwingender, am Ende für ihren Prinzen den Beruf opfernder Latino-Blondinen, bei denen dieser Satz bereits die Lesekompetenz überschreiten würde.

Immer hübsch, immer jung, immer - ... genau. Und falls es mal der einen oder anderen nicht gefallen sollte und sie darob die Nase rümpfen oder die Denkerstirn runzeln möchte, so hat die Schönheitsidealsindustrie auch dem schon geschickt den Riegel vorgeschoben. Vom Mienenspiel zum Faltenschachmatt – sic transit gloria Hollywoodmundi. Von Bo Derek zu Bo Tox.

Am Ende war ich dann – erwartungsgemäß - zusammen mit meiner Tochter im Kino. Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen. Und was sehe ich? Da spielen eine herrlich selbstironische Katja Riemann, die immer noch bildschöne Monica Bleibtreu, die herrlich eckige Nina Petri und eine in ihrer Spielfreude überwältigende Corinna Harfouch – also nach überseeischen Kriterien eine Horde Uralte Morlas. Nach meinen Kriterien aber leidenschaftliche Schauspielerinnen, die in ihren (altersgerechten) Rollen völlig aufgehen und mich als Zuschauerin mitreißen. Mich meine Umgebung und die Zeit vergessen lassen. Zwei Stunden Kintopp at its best.

Und genau das macht einen guten Film aus.


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